Ein Baum aus Bronze: Das Mahnmal für die verfolgten Zeugen Jehovas nimmt Gestalt an

In einem Metallbetrieb im bergischen Wermelskirchen wird derzeit Geschichte gefräst – im wortwörtlichen Sinne. Dort entsteht das Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas, das am 24. Juni 2026 im Berliner Tiergarten eingeweiht werden soll.

Es ist ein besonderer Moment für Matthias Leeck. Zum ersten Mal kann der Künstler heute in einer Metallwerkstatt in Wermelskirchen Teile seines Werkes in die Hand nehmen – jener Bronzeskulptur, die in weniger als drei Monaten als nationales Mahnmal im Berliner Tiergarten enthüllt werden soll. Was bisher nur als virtuelles Modell und als Vision im Kopf des Künstlers existierte, wird nun greifbar: ein fast fünf Meter hoher Baumstamm aus Bronze, rund zwölf Tonnen schwer, der bald nahe dem Goldfischteich im Großen Tiergarten stehen wird.

VIDEO: Die WDR-Lokalzeit Bergisches Land hat den Besuch des Künstlers Matthias Leeck im Wermelskirchener Metallbetrieb filmisch begleitet. Hier geht es zum Beitrag.

Ein Baum als Symbol der Standhaftigkeit

Das Mahnmal hat die Form eines Baumes – und das ist kein Zufall. Die Skulptur soll die Standhaftigkeit einer Opfergruppe symbolisieren, die vom ersten Tag der nationalsozialistischen Diktatur an Widerstand leistete. Die Zeugen Jehovas, damals auch als Ernste Bibelforscher bekannt, verweigerten den Hitlergruß, lehnten die Mitgliedschaft in NS-Organisationen ab und verweigerten den Kriegsdienst. Dafür zahlten sie einen hohen Preis: Fast 14.000 Frauen und Männer wurden inhaftiert, über 4.200 in Konzentrationslager verschleppt, wo man sie mit einem lila Winkel stigmatisierte. Mindestens 1.700 von ihnen verloren ihr Leben.

Der Baum steht – er biegt sich nicht, er bricht nicht. Und doch trägt er sichtbare Spuren. Die Oberflächenstruktur des Mahnmals macht die Verletzungen sichtbar, die diese Opfergruppe erlitten hat. Narben und Schnittwunden durchziehen die Bronze. Sie sind nicht nur sichtbar, sondern erfahrbar – wer das Mahnmal berührt, spürt das Leid unter den Fingerspitzen.

Ein Ort mit Geschichte

Der Standort im Berliner Tiergarten nahe dem Goldfischteich ist bewusst gewählt. Am 22. August 1936 führte die Gestapo dort eine gezielte Verhaftungsaktion gegen führende Mitglieder der Glaubensgemeinschaft durch. Der Goldfischteich war zugleich ein Ort, an dem Zeugen Jehovas heimliche Versammlungen abhielten – ein Ort des stillen Widerstands, der nun zum Ort des öffentlichen Gedenkens wird.

Das Mahnmal reiht sich damit ein in die Gedenklandschaft des Tiergartens, unweit des Denkmals für die ermordeten Juden Europas und der Mahnmale für die verfolgten Homosexuellen, die ermordeten Sinti und Roma sowie die Opfer der NS-„Euthanasie“-Morde.

Ein langer Weg – und eine große Hoffnung

Hinter dem Mahnmal liegen 15 Jahre intensiver Bemühungen. Am 22. Juni 2023 fasste der Deutsche Bundestag einstimmig den Beschluss zur Errichtung – fast auf den Tag genau 90 Jahre nach dem Verbot der Glaubensgemeinschaft in Preußen. Die Umsetzung liegt bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, finanziert wird das Vorhaben vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Seit März 2026 laufen die Bauarbeiten am Standort. Neben der Skulptur werden eine Informationstafel, ein Zuweg und Anpflanzungen den Gedenkort vervollständigen. Ergänzend entsteht im Projekt „Biographien verfolgter Zeugen Jehovas“ eine interaktive Karte mit Orten des Widerstands und der Verfolgung – ein lebendiges digitales Gedenken, das die bronzenen Erinnerungen ergänzt.

Uwe Langhals, Vorstandsmitglied der Arnold-Liebster-Stiftung, die sich seit Jahren für die Erinnerung an die verfolgten Zeugen Jehovas einsetzt, begleitet das Projekt mit großer Anteilnahme. Seine Hoffnung: Dass das Mahnmal viele Menschen zum Nachdenken bringt. Zum Nachdenken darüber, was geschieht, wenn Religionsfreiheit mit Füßen getreten wird. Zum Nachdenken darüber, was Zivilcourage bedeutet – und was sie kosten kann.

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