
Im Vorfeld der feierlichen Übergabe des Mahnmals für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas an die Öffentlichkeit fand am 18. Juni 2026 im Ort der Information des Holocaust-Denkmals in Berlin eine Pressekonferenz statt. Dabei wurde auch das begleitend zum Mahnmal entstandene digitale Wissensportal zu Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas unter biographien-verfolgter-zeugen-jehovas.de vorgestellt und online geschaltet. Die Arnold-Liebster-Stiftung initiierte das Projekt und förderte seine Vorbereitungsphase. Das 2025/26 entstandene Portal wird von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas getragen. Gefördert wurde es von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) im Rahmen des Programms „JUGEND erinnert vor Ort & engagiert“. Kooperationspartner sind die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und der Verein Lila Winkel in Österreich.
Das Portal enthält bereits hunderte Biographien von Zeugen Jehovas, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Viele von ihnen wurden ermordet. Auch Lebensbeschreibungen von Angehörigen der Religionsgemeinschaft, die nach 1945 in der DDR verfolgt wurden, sind zu finden. Inhaltlich geht das Portal weit über eine Sammlung von Biographien hinaus. Im Zentrum steht eine interaktive Europakarte. Dort lassen sich Wohn-, Verfolgungs-, Widerstands- und Gedenkorte aufrufen, die mit den vorgestellten Personen in Zusammenhang stehen. Das Portal verzeichnet inzwischen mehr als 800 Orte unterschiedlicher Art: Wohnhäuser, vor denen Stolpersteine verlegt wurden; geheime Literaturlager der Glaubensgemeinschaft; Gerichtsgebäude und Gefängnisse; Konzentrationslager; nach Zeugen Jehovas benannte Straßen, sowie Denkmäler und andere Gedenkzeichen.

Neben den Biographie- und Ortsseiten bietet das Portal ein Abkürzungsverzeichnis, eine umfangreiche Bibliographie und eine Enzyklopädie. Diese erklärt grundlegende Begriffe, die mit der Geschichte der Zeugen Jehovas verbunden sind. Die Enzyklopädie soll ebenso wie der Bereich der Länderchronologien schrittweise erweitert werden. Zurzeit sind Chronologien zur Geschichte der Zeugen Jehovas in Deutschland und Polen verfügbar.
Das digitale Wissensportal richtet sich an Nachkommen verfolgter Zeugen Jehovas, Geschichtsinteressierte, Heimatvereine, Stolpersteininitiativen, Gedenkstätten, Schulen und Geschichts-AGs. Es eignet sich dazu, die regionale Geschichte der Zeugen Jehovas nachzuvollziehen. Interessierte können selbst recherchieren und – besonders an Schulen – in Abstimmung mit dem Projektteam eigene Beiträge erarbeiten. Die vorhandenen Informationen können außerdem die Vorbereitung künftiger Stolpersteinverlegungen und thematischer Stadtführungen unterstützen.
Am Aufbau des Portals wirkten Historikerinnen und Historiker sowie ehrenamtlich Forschende mit, die ihre fundierten regionalhistorischen Kenntnisse einbrachten (Citizen Science). Außerdem waren sechs Jugendprojektgruppen beteiligt: je drei aus Ost- und Westdeutschland. Drei Gruppen waren an Schulen angesiedelt: die Tisa-Projektgruppe der verbundenen Regionalen Schule und Gymnasium „Tisa von der Schulenburg“ in Dorf Mecklenburg, ein Geschichtskurs des Elsa-Brändström-Gymnasiums in Oberhausen und die AG „Kriegsgräber“ an der Europaschule Rövershagen. Die drei weiteren Gruppen bestanden aus Jugendlichen aus örtlichen Gemeinden der Zeugen Jehovas. Sie erforschten die lokale Verfolgungsgeschichte in der Oberlausitz, im Raum Kassel und in Hamburg.

Die Jugendlichen recherchierten in Archiven, nahmen Kontakt zu Nachkommen von NS-Verfolgten auf und führten Zeitzeugeninterviews und Gespräche mit Historikern und Politikern. Sie besuchten frühere Haftorte der Personen, über die sie forschten, drehten Filme und produzierten Videopodcasts. Darüber hinaus initiierten und begleiteten sie Stolpersteinverlegungen. Ihre Rechercheergebnisse veröffentlichten sie in Beiträgen auf dem Portal.
Den Höhepunkt der Projektarbeit bildete die Einweihung des Mahnmals im Großen Tiergarten in Berlin am 24. Juni 2026. Mehr als 40 Jugendliche aus allen sechs Projektgruppen waren angereist. Im Anschluss führte ein Team der Stiftung Denkmal sie auf einem dialogischen Stadtspaziergang zu den von der Stiftung betreuten Denkmälern. Dabei konnten sich die Teilnehmenden kennenlernen und über ihre Arbeit austauschen.
Obwohl das Portal bereits umfangreiches Material bietet, ist es als wachsendes Projekt angelegt. In den kommenden Jahren sollen zahlreiche weitere Biographien und Orte aus ganz Europa hinzukommen. Ein besonderer Schwerpunkt soll auf der Verfolgung der Zeugen Jehovas nach 1945 unter kommunistischen Regimen in Osteuropa liegen.
Weitere Informationen:

