Veranstaltung am Vortag der Übergabe des Mahnmals für verfolgte Zeugen Jehovas – Hintergründe und Lebensgeschichten

Am Tag vor der Übergabe des Mahnmals für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas an die Öffentlichkeit lud die Arnold-Liebster-Stiftung zu einer Veranstaltung für geladene Gäste in die Akademie der Künste am Pariser Platz – in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tors und des Großen Tiergartens, in dem das Mahnmal tags darauf eingeweiht wurde. Gäste aus Dänemark, Kanada, Griechenland, Luxemburg, Österreich, Schweden, Slowenien, Spanien und den USA – und viele weitere, die die Veranstaltung weltweit im Livestream verfolgten – erlebten einen Nachmittag, der Rückblick, Dank und Auftrag zugleich war und der eine Frage in den Mittelpunkt stellte: Warum blieben diese Menschen standhaft, und was bedeutet ihr Vermächtnis für uns heute?

HINWEIS: Die Hauptpunkte der Beiträge der Veranstaltung werden nachfolgend sinngemäß zusammengefasst. Die Zeitangaben im Text (z. B. Video ab 00:19:16) verlinken jeweils auf die entsprechende Stelle in der Videoaufzeichnung auf YouTube.

Ein Grußwort, das den Ton setzte

Eröffnet wurde der Nachmittag vom Kammerorchester Terra Nova unter der Leitung von Jerome Weiss mit dem Stück „Fest und entschlossen“ von Erich Frost – jenem Goldfischteich-Aktivisten, der die NS-Verfolgung überlebte und dessen Lied bei der Gestaltung des Mahnmals noch eine besondere Rolle spielen sollte. Video ab 00:01:05

Moderator Uwe Klages, Vorsitzender der Arnold-Liebster-Stiftung, begrüßte unter den Gästen besonders jene, die sich über Jahre für das Mahnmal eingesetzt hatten – darunter die frühere Kulturstaatsministerin Claudia Roth, den Bundestagsabgeordneten Thomas Hacker sowie Uwe Neumärker, den Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, und dessen Team. Video ab 00:07:44

Die Stifterin Simone Arnold-Liebster, inzwischen 96 Jahre alt, war per Video zugeschaltet. Ihr Grußwort rückte das Gewissen in den Mittelpunkt: Die Opfer hätten sich „nicht als Helden“ gesehen, „sondern als schwache und fehlerhafte Menschen, die auf ihr Gewissen hören wollten“. Ihr Andenken trage eine wichtige Botschaft in sich: „Der Mensch hat die Fähigkeit, auf seine innere Stimme zu hören und zu folgen. Die Entscheidung liegt bei jedem Einzelnen.“ Video ab 00:16:07

Von den „vergessenen Opfern“ zur Erinnerungskultur

Prof. Dr. Detlef Garbe, Historiker und ehemaliger Direktor der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, zeichnete nach, wie lange die Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas wissenschaftlich unbeachtet blieb: In den ersten Nachkriegsjahrzehnten erschien dazu kein einziger geschichtswissenschaftlicher Beitrag. Erst seit den 1990er Jahren entwickelte sich eine breite Forschung. Heute erinnern fast 500 Stolpersteine und knapp 30 Straßennamen in Deutschland an verfolgte Zeugen Jehovas. Die begleitend zum Mahnmal entstandene Website biographien-verfolgter-zeugen-jehovas.de stellt bereits 568 Biografien vor und weist 154 Gedenkorte nach – gemessen an über 15.500 dokumentierten Verfolgungsschicksalen ein Projekt, das der Fortschreibung bedarf. Dass der Bundestag am 22. Juni 2023 fraktionsübergreifend und einstimmig das Mahnmal beschloss, nannte Garbe einen „wirklich bemerkenswerten Vorgang“: Spätestens mit der Einweihung könne nicht mehr die Rede davon sein, dass die Zeugen Jehovas zu den vergessenen Opfern zählen. Video ab 00:19:16

James Pellechia aus New York erinnerte an ein Jubiläum: Vor 30 Jahren, am 6. November 1996, wurde in der Gedenkstätte Ravensbrück der Dokumentarfilm „Standhaft trotz Verfolgung“ („Stand Firm“) uraufgeführt, an dem er als Produzent maßgeblich beteiligt war. Weltweit wurden seither über 2,5 Millionen Kopien in 40 Sprachen verbreitet; allein in Deutschland sahen mehr als 800.000 Menschen Film oder Begleitausstellung. Der Film habe Geschichte „von Statistiken in menschliche Geschichten“ verwandelt – und ein kleines Samenkorn gesät, das nun, so Pellechia, zu einem „prächtigen Gedenkbaum“ herangewachsen sei. Video ab 00:35:57 (Vortrag auf Englisch)

Der lange Weg zum Mahnmal

Prof. Dr. Wolfgang Benz sprach unter dem Titel „Verweigerte Erinnerung“ über den mühsamen Weg zum Gedenkzeichen. Die Zeugen Jehovas – damals rund 25.000 Gläubige – waren die einzige religiöse Gemeinschaft, die geschlossen und konsequent aus ihrem Glauben Widerstand gegen den Nationalsozialismus leistete. Sie verweigerten Hitlergruß, Eid und Wehrdienst, halfen verfolgten Juden – wie das Berliner Ehepaar Franz und Emma Gumz, das Inge Deutschkron versteckte – und wurden dafür verboten, verurteilt und in Konzentrationslager verschleppt. Nach 1945 setzte sich die Ausgrenzung fort: In der DDR wurden die Zeugen Jehovas 1950 erneut verboten. Benz schilderte offen die Widerstände auf dem Weg zum Mahnmal – von Vorschlägen, das Denkmal an den Stadtrand abzuschieben, bis zu denkmalpflegerischen Einwänden gegen den Standort. Sein Fazit: „Das Erinnern an die Verfolgung und das tapfere Widerstehen der Zeugen Jehovas durch ein Zeichen im öffentlichen Raum war längst überfällig.“ Video ab 00:52:27

Uwe Neumärker ordnete das neue Mahnmal in die Arbeit der Stiftung Denkmal ein, die seit dem Bundestagsbeschluss von 1999 dem würdigen Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus verpflichtet ist – „es darf keine Opfer erster oder zweiter Klasse geben“. Er erinnerte an die Sitzung des Bundestages am 22. Juni 2023, als die Vertreter der Stiftungen den Beschluss von der Besuchertribüne aus verfolgten, und dankte allen politischen Unterstützern. Eine Besonderheit hob er hervor: Es ist das erste Gedenkzeichen im Bestand der Stiftung, das der Bundestag offiziell als „Mahnmal“ beschlossen hat. Video ab 01:10:03

Ein Baum aus zwölf Tonnen Bronze

Wie das Mahnmal entstand, erzählten Uwe Klages, Vorstandsmitglied Uwe Langhals und der deutsch-italienische Bildhauer Matthias Leeck im Gespräch mit Mario Bergmann. Langhals beschrieb mit Humor die „Zeit der Querpässe“ durch die Berliner Ämter, bis klar wurde: Ohne Bundestagsbeschluss geht es nicht. Leeck erläuterte seine Gestaltung: Die viereinhalb Meter hohe Skulptur aus zwölf Tonnen massiver Bronze fügt sich wie ein Baum in eine Leerstelle des Parks – im Herbst werden zehn weitere Bäume gepflanzt. In die Oberfläche eingearbeitet ist eine „Schichtung der Erinnerung“ aus historischen Fotografien verfolgter Zeugen Jehovas und eigenen Aufnahmen aus heutigen Gedenkstätten. Und selbst die Kontur der Skulptur erzählt: Der Komponist Guido Mallardi verdichtete Erich Frosts Lied „Fest und entschlossen“ in einen einzigen Klang, dessen Frequenzverlauf sich abstrahiert in der Form wiederfindet. Video ab 01:20:59

Der historische Ort: Goldfischteich im Tiergarten

Warum steht das Mahnmal genau dort? Die Historikerin Angela Nerlich berichtete im Gespräch mit Micha Kours von ihrer siebenjährigen Recherche: Ein Verhörprotokoll von 1936 und die zugehörige Urteilsschrift belegen ausdrücklich den Goldfischteich im Berliner Tiergarten als Treffpunkt der Widerstandsgruppe – dort, am Liegestuhlverleih eines Glaubensangehörigen, wurden Flugblätter übergeben und Verabredungen getroffen. Ihre Forschung förderte sogar einen bislang unbekannten 13. Goldfischteich-Aktivisten zutage: Franz Kassing, der die illegale Schallplattenproduktion und ein geheimes Literaturlager verwaltete. Für Nerlich spiegelt die Baumskulptur die innere Verfasstheit der Aktivisten: fest verwurzelt, nach oben strebend, auf nur einem Quadratmeter Grundfläche – „Sie stehen einfach nur gerade.“ Video ab 01:36:28

Eine sehr persönliche Perspektive brachte Verena Kours ein, Enkelin des Goldfischteich-Aktivisten Otto Kours, der im Januar 1940 im KZ Sachsenhausen ums Leben kam. Sie sprach stellvertretend für die Nachgeborenen. Rund 22 Angehörige der Aktivisten-Familien waren im Saal – viele lernten sich erst durch das Mahnmal-Projekt kennen. Über 15.500 Zeuginnen und Zeugen Jehovas wurden verfolgt, über 4.500 kamen in Konzentrationslager, über 1.800 starben. „Wir dürfen niemals vergessen, was passieren kann, wenn weggesehen wird“, sagte Kours. Für die Angehörigen bedeute das Mahnmal, „dass die Last nun etwas leichter wird. Sie wird geteilt und bekannt gemacht.“ Video ab 01:46:20

Verfolgung ist keine Vergangenheit

Dass Gewissensfreiheit auch heute keine Selbstverständlichkeit ist, machte das Interview mit Dennis und Irina Christensen aus Dänemark deutlich. Dennis Christensen war von 2017 bis 2022 in Russland inhaftiert – allein wegen seines Glaubens als Zeuge Jehovas. Kraft gaben ihm „Glaube, Hoffnung und Liebe“ – und ein Brief von Simone Arnold-Liebster, deren Buch „Allein vor dem Löwen“ ihn tief geprägt hatte. Aktuell sind weltweit mindestens 278 Zeugen Jehovas wegen ihres Glaubens inhaftiert, davon 161 in Russland. Video ab 01:54:09 (Interview auf Englisch)

Ein stiller Höhepunkt: Der 90-jährige Johannes Haufe, selbst in der DDR verfolgt, erzählte, wie er täglich namentlich für die heute Inhaftierten betet. Video ab 02:08:25

Erinnerung als Auftrag

Peter Stocker vom österreichischen Verein Lila Winkel, dessen Familie Wohlfahrt 22 verfolgte Mitglieder zählt, plädierte dafür, nicht aus Pflicht, sondern aus Verantwortung zu gedenken: Wenn Familiengeschichten erzählt werden, „bekommen die Opfer Gesichter, Geschichten werden lebendig“. Video ab 02:11:09

Der Historiker Falk Bersch bilanzierte zum Abschluss den Stand der Gedenkkultur: Über 580 Gedenkzeichen erinnern heute in Deutschland an Zeugen Jehovas – Stolpersteine, Straßennamen, Stelen und Tafeln; die ersten beiden 1997 legal verlegten Stolpersteine überhaupt galten zwei Zeugen Jehovas. Die neue Website biographien-verfolgter-zeugen-jehovas.de macht diese Orte als digitale Gedenkstätte auffindbar – erarbeitet von einem großen ehrenamtlichen Team, darunter sechs Jugendprojektgruppen mit über 50 jungen Menschen aus Ost und West. Video ab 02:19:09

Mit dem Stück „Ungebrochen durch die Nacht“ von Jerome Weiss schloss das Kammerorchester Terra Nova einen Nachmittag ab, dessen Botschaft Angela Nerlich vielleicht am prägnantesten formulierte: „Kein Mensch hat das Recht, dem Unrecht zu gehorchen.“ Video ab 02:29:10

Am folgenden Tag, dem 24. Juni 2026, wurde das Mahnmal an der Straße des 17. Juni nahe dem Goldfischteich im Großen Tiergarten der Öffentlichkeit übergeben. Unser Bericht dazu: Mahnmal für verfolgte Zeugen Jehovas an die Öffentlichkeit übergeben. Ein Dokumentationsband zur Veranstaltung – mit einem Vorwort von Claudia Roth – erscheint zum Jahresende.

Videoaufzeichnung und weiterführende Links

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