„Narren in Christo“ – Jehovas Zeugen aus der literarischen Perspektive

Nahaufnahme des Buches „Narren in Christo“ von Nathan Schmidtchen auf einem Holztisch.
„Narren in Christo“ untersucht Jehovas Zeugen im literarischen Erinnerungsdiskurs Überlebender des Nationalsozialismus.

Als Bruno Apitz 1958 seinen Buchenwaldroman „Nackt unter Wölfen“ veröffentlichte – der erste Weltbestseller aus der DDR – erwähnte er auf der ersten Seite in einer Aufzählung der Häftlingsgruppen auch die Bibelforscher (Zeugen Jehovas). Historisch korrekt, denn es waren etwa 800 Zeugen Jehovas im Konzentrationslager Buchenwald. Auf den nun 400 folgenden Romanseiten scheinen die Häftlinge mit dem lila Winkel aber keine Rolle mehr zu spielen. Oder doch? Ließ Apitz im Buchenwalder Figurenensemble Zeugen Jehovas auftreten, ohne sie zu benennen? Wenn ja, hatte das politische Gründe?

Diesen und weiteren spannenden Fragen ist Nathan Schmidtchen in seiner 2022 veröffentlichten Dissertation „Narren in Christo“ nachgegangen. Während die Geschichtswissenschaft die Bedeutung der Zeugen Jehovas in der Zeit des Nationalsozialismus mittlerweile ausreichend untersucht und somit auch gewürdigt hat, stand eine literatur- bzw. kulturwissenschaftliche Betrachtung bisher aus. Dies hat sich mit Schmidtchens Arbeit nun geändert. Eine erste literaturwissenschaftliche Studie, die sich mit der Rolle der Zeugen Jehovas in erzählenden Texten zum Nationalsozialismus befasst, liegt nun vor. Sie widmet sich den Zeugen Jehovas im literarischen Erinnerungsdiskurs der Autoren, die diese Epoche er- und überlebt haben, hier vor allem in ihrer Erzählprosa.

Neben dem Buchenwaldroman von Bruno Apitz untersucht der Autor eingehend Arbeiten von Wolfgang Langhoff (Die Moorsoldaten, 1935), Robert Antelme (L’espèce humaine, 1947), Hans Werner Richter (Sie fielen aus Gottes Hand, 1951), Max von der Grün (Zwei Briefe an Pospischiel, 1968) und Jorge Semprùn (Quel beau dimanche!, 1980). Und kommt zu überraschenden Schlüssen: „Jehovas Zeugen faszinieren, befremden und stören. Als Heilige, Propheten, Märtyrer und Sündenböcke stehen sie in der Nachfolge des Sohnes Gottes. Bezüge ergeben sich auch zur Figur des christlichen Narren: nicht von dieser Welt, der Welt des nationalsozialistischen Terrors, aber zugleich in ihr und gegen sie zeugend“, so der Klappentext des Buches. Ein wichtiger Beitrag, der bisher noch zu wenig Beachtung fand.

Buchcover von „Narren in Christo“ von Nathan Schmidtchen über Jehovas Zeugen im literarischen Erinnerungsdiskurs Überlebender des Nationalsozialismus.
Buchcover: Nathan Schmidtchen, „Narren in Christo“, J. B. Metzler, 2022.

Buchdetails

Titel: „Narren in Christo“. Jehovas Zeugen im literarischen Erinnerungsdiskurs Überlebender des Nationalsozialismus
Autor: Nathan Schmidtchen
Verlag: J. B. Metzler
Erscheinungsdatum: 2022
Umfang: 474 Seiten
ISBN: 978-3-662-65921-2
Preis: 119,99 Euro (89,99 als E-Book)

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