„Wir tun so was nicht“ – Die Geschichte eines Mannes, der sich weigerte

Ein Name, der zum Symbol wurde: Wie Joachim Alfermann dem NS-Regime widerstand und Nobelpreisträger Günter Grass tief beeindruckte.

Es ist ein ungewöhnlicher Spitzname. Kein Vorname, kein Nachname – einfach ein ganzer Satz, zusammengeschrieben wie ein einziges Wort: Wirtunsowasnicht. Fünf Silben, die mehr über einen Menschen aussagen als jede Biografie es könnte.

Ein junger Mann, der nicht mitmachte

Deutschland, Anfang der 1940er-Jahre. Inmitten von Millionen junger Männer, die zur Wehrmacht eingezogen werden, steht einer, der sich weigert, eine Waffe anzufassen. Nicht aus Feigheit. Nicht aus politischem Kalkül. Sondern aus einer tief verwurzelten Überzeugung: „Wir tun so was nicht.“

Sein Name war Joachim Alfermann, und er war ein Zeuge Jehovas. Trotz Schlägen, Demütigungen und Einzelhaft blieb er bei seiner Haltung. Die militärische Ausbildung verweigerte er konsequent. Seine Worte wurden zu seinem Spitznamen – einem Namen, den Jahrzehnte später ein Nobelpreisträger der Welt in Erinnerung rufen sollte.

Günter Grass erinnert sich

2006 veröffentlichte der Schriftsteller Günter Grass sein autobiografisches Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“. Das dritte Kapitel trägt den Titel „Er hieß Wirtunsowasnicht„. Grass, der als 17-Jähriger selbst zur Waffen-SS eingezogen worden war, beschreibt darin einen Kameraden aus seiner Militärzeit, der sich konsequent weigerte, eine Waffe in die Hand zu nehmen.

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erinnerte sich Grass an diesen außergewöhnlichen Menschen:

„Er gehörte keiner der herrschenden Ideologien an, war weder Nazi noch Kommunist oder Sozialist. Er gehörte zu den Zeugen Jehovas.“

An den richtigen Namen konnte sich Grass nicht mehr erinnern – wohl aber an den Spitznamen: Wirtunsowasnicht. Über ihn sagte Grass:

„Bewundert habe ich seine unglaubliche Willensstärke und mich gefragt: Wie hält er das aus? Wie schafft er das bloß?“

Nachforschungen von Jehovas Zeugen ergaben später, dass es sich um Joachim Alfermann handelte. Nachdem er den ständigen Versuchen, seinen Glauben zu brechen, standgehalten hatte, wurde er ins Konzentrationslager verschleppt.

Eine vergessene Opfergruppe

Die Verfolgung der Zeugen Jehovas durch das NS-Regime gehört zu den weniger bekannten Kapiteln der Geschichte. In den Konzentrationslagern trugen sie den lila Winkel als Kennzeichen. Was sie von vielen anderen Häftlingsgruppen unterschied: Sie hätten jederzeit freikommen können – durch eine einfache Unterschrift, mit der sie ihrem Glauben abschworen.

Dr. Gideon Greif, ein Experte für Auschwitz und den Holocaust, brachte es auf den Punkt:

„Zeugen Jehovas hätten ganz leicht freikommen können – das Unterschreiben dauerte nur eine Minute. Daran sieht man: Selbst in den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte gibt es Gruppen, denen es gelingt, eine hohe Moral sowie Reinheit in Wort und Tat zu bewahren.“

Eine Ausstellung, die seinen Namen trägt

Im März 2022 wurde in Israel eine Ausstellung eröffnet, die den Mut von Zeugen Jehovas im nationalsozialistischen Deutschland dokumentiert. Der Ort: das Haus der Ghettokämpfer, ein Museum in Westgaliläa. Der Titel der interaktiven Ausstellung: „Wirtunsowasnicht“ – benannt nach dem Spitznamen von Joachim Alfermann.

Bereits 2017 hatten Zeugen Jehovas eine ähnliche Ausstellung auf dem HaTachana-Gelände in Tel Aviv veranstaltet, die rund 1.700 Besucher anzog. Im Mittelpunkt standen Aquarelle von Johannes Steyer, einem Zeugen Jehovas, der zehn Jahre Verfolgung und mehrere Konzentrationslager überlebte und seine Erinnerungen in den 1970er-Jahren in einer Aquarell-Serie verarbeitete.

Der israelische Historiker Jair Auron betonte bei dieser Gelegenheit, wie wenig selbst in Israel über das Schicksal der Zeugen Jehovas bekannt sei – und wie wichtig solche Ausstellungen gerade für junge Menschen seien.

Warum diese Geschichte heute zählt

Joachim Alfermann war kein Politiker, kein Intellektueller, kein Widerstandskämpfer im klassischen Sinne. Er war ein einfacher Mann mit einer klaren Überzeugung. Sein „Wir tun so was nicht“ war kein lauter Protest – es war ein stilles, beharrliches Nein gegenüber einem Regime, das totale Unterwerfung verlangte.

Dass ausgerechnet Günter Grass, der seine eigene Verstrickung in die NS-Zeit erst spät öffentlich machte, diesem Mann ein literarisches Denkmal setzte, verleiht der Geschichte eine besondere Tiefe. Grass, der mitmachte, erinnert sich an den, der nicht mitmachte. Und er gibt zu: Er hat ihn bewundert.

In einer Zeit, in der Zivilcourage oft als Selbstverständlichkeit betrachtet wird, erinnert uns Alfermanns Geschichte daran, was es wirklich kostet, zu seinen Überzeugungen zu stehen – selbst wenn es das eigene Leben bedroht.

Quellen und weiterführende Links

Weitere Beiträge