Mahnmal für verfolgte Zeugen Jehovas an die Öffentlichkeit übergeben

Zahlreiche Gäste sitzen bei sonnigem Wetter auf Stuhlreihen auf einem hölzernen Podest im Freien, einige schützen sich mit Sonnenschirmen und Hüten. Sie blicken zur Bühne unter einem dunklen Zeltdach, wo eine Rednerin an einem Pult steht. Rechts daneben ragt eine mehrere Meter hohe, baumförmige Bronzeskulptur zwischen den Bäumen empor.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner spricht beim Festakt zur Übergabe des Mahnmals an die Öffentlichkeit. Rechts im Bild die rund fünf Meter hohe Bronzeskulptur in Baumform des Künstlers Matthias Leeck, Berliner Tiergarten, 24. Juni 2026. Foto: Peter Maciol.

Bei strahlendem Sonnenschein ist am Mittwoch, dem 24.06.2026 um 11 Uhr am Goldfischteich im Berliner Tiergarten ein neues Mahnmal an die Öffentlichkeit übergeben worden. Es erinnert an die Zeugen Jehovas (Bibelforscher), die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, in Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden. Mit der Übergabe erhält eine Opfergruppe einen sichtbaren Ort des Gedenkens, deren Geschichte lange im Schatten anderer Kapitel der deutschen Erinnerungskultur stand.

Vor rund 1.000 Gästen machte der Festakt deutlich: Dieses Mahnmal ist mehr als eine neue Station auf dem Berliner Erinnerungsweg. Es ist ein Zeichen für Gewissensfreiheit, religiöse Toleranz und die Pflicht, auch unbequeme oder lange verdrängte Geschichten öffentlich zu erzählen.

HINWEIS: Die Hauptpunkte der Reden des Festakts werden nachfolgend sinngemäß zusammengefasst. Die Zeitangaben im Text (z. B. Video ab 00:21:55) verlinken jeweils auf die entsprechende Stelle in der Videoaufzeichnung auf YouTube.

Ein einstimmiger Beschluss und eine späte Anerkennung

Der Deutsche Bundestag hatte das Mahnmal am 22. Juni 2023 einstimmig beschlossen. Bei der Übergabe erinnerte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner daran, dass eine solche Einigkeit im Parlament keine Selbstverständlichkeit sei. Gerade deshalb habe der Beschluss besonderes Gewicht: Die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus sollte einen festen, würdigen Ort im öffentlichen Gedenken erhalten. Video ab 00:21:55

Klöckner stellte in ihrer Rede den Menschen in den Mittelpunkt. Das Denkmal, so ihr Gedanke, gelte jenen, die bitteres Unrecht erlitten und dennoch Menschlichkeit bewahrten. Video ab 00:26:10

Damit berührte Klöckner einen zentralen Punkt der Übergabe. Die Zeugen Jehovas gehören zu den lange übersehenen Opfergruppen des Nationalsozialismus. Ihr Glaube, so Klöckner, sei vielen fremd und suspekt geblieben, ihr Leid deshalb weniger gesehen worden. Hinzu kam, dass die Vorbehalte auch nach 1945 fortbestanden und die DDR die Verfolgung sogar fortsetzte. Der Weg zu einem sichtbaren Ort des Gedenkens habe entsprechend lange gedauert. Gerade deshalb ist der neue Erinnerungsort auch eine Korrektur – ein Sichtbarmachen dessen, was lange übersehen wurde.

Gewissen gegen Gewalt

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer setzte in seiner anschließenden Ansprache einen deutlichen Akzent auf das Gewissen. Er fragte, warum Diktaturen Angst vor Gläubigen haben und warum ein totalitärer Staat gerade die stille Standhaftigkeit einzelner Menschen als Bedrohung empfindet. Video ab 00:32:47

Seine Antwort zielte auf den Kern des Mahnmals: Wer aus Gewissensgründen Nein sagt, entzieht sich dem Zugriff absoluter Macht. Die Zeugen Jehovas strebten keinen politischen Umsturz an. Sie wollten ihren Glauben leben. Doch gerade dieses Beharren auf einer höheren moralischen Bindung machte sie für das NS-Regime gefährlich. Video ab 00:34:35

Weimer erinnerte auch an August Dickmann, der 1939 im KZ Sachsenhausen wegen Kriegsdienstverweigerung erschossen wurde. Seine Geschichte steht für viele andere, die nicht bereit waren, ihr Gewissen dem Staat zu überlassen. Video ab 00:33:34

Warum die Bibelforscher verfolgt wurden

Die Nationalsozialisten verfolgten Zeugen Jehovas mit besonderer Härte, weil sie sich dem totalitären Anspruch des Regimes verweigerten. Sie zeigten nicht den Hitlergruß, traten nicht in die NSDAP ein, beteiligten sich nicht am Führerkult und verweigerten aus Gewissensgründen den Kriegsdienst. Viele setzten ihre religiöse Tätigkeit trotz Verbots fort.

In den Reden wurde auch daran erinnert, dass Zeugen Jehovas anderen Verfolgten halfen. Das Beispiel von Emma und Franz Gumz aus Berlin steht dafür. Das Ehepaar unterstützte die jüdische Familie Deutschkron; Emma Gumz wurde später als Gerechte unter den Völkern geehrt. Solche Geschichten zeigen, dass Widerstand nicht immer laut war. Manchmal bestand er darin, nicht mitzumachen, Lebensmittel zu teilen, Menschen zu verstecken oder unter Gefahr die Verbindung zu anderen Verfolgten zu halten. Video ab 00:23:21

Nach den bei der Übergabe genannten Zahlen gerieten Tausende Zeugen Jehovas aus Deutschland und den besetzten Ländern Europas ins Visier der Nationalsozialisten. Mehr als 15.000 wurden verfolgt oder inhaftiert, viele in Konzentrationslager verschleppt. Mindestens rund 1.700 überlebten die Verfolgung nicht. In den Lagern wurden Bibelforscher mit dem lila Winkel gekennzeichnet. Video ab 00:24:17

Der Goldfischteich als historischer Ort

Dass das Mahnmal am Goldfischteich steht, ist kein Zufall. In der Nähe dieses Ortes trafen sich Zeugen Jehovas in der NS-Zeit heimlich. Unter dem Deckmantel eines Stuhlverleihs tauschten sie Informationen aus und hielten Verbindungen innerhalb ihrer verbotenen Gemeinschaft aufrecht. Video ab 00:31:48

Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg erinnerte in ihrer Rede an diesen historischen Zusammenhang. Der Goldfischteich sei ein Ort, an dem sich Widerstand und Verfolgung, Selbstbehauptung und staatliche Gewalt kreuzten. Im August 1936 griff die Gestapo dort zu. Mehrere Zeugen Jehovas wurden verhaftet; der Ort wurde zum Schauplatz einer Verfolgungswelle, die weit über Berlin hinausreichte. Video ab 00:48:19

Badenberg zog daraus eine klare Gegenwartslehre. Gerade aus Sicht der Justiz sei es notwendig, Unrecht als Unrecht zu benennen. Denn Gerichte und Staatsanwälte hätten das nationalsozialistische Unrecht nicht nur hingenommen, sondern vielfach durchgesetzt. Das Mahnmal verweise daher auch auf die Verantwortung des Rechtsstaats, Gewissens- und Religionsfreiheit zu schützen. Video ab 00:50:50

Eine Bronzeskulptur wie ein verletzter Baum

Das Mahnmal stammt vom Künstler Matthias Leeck. Die Skulptur ist fünf Meter hoch und aus Bronze gefertigt. In den Reden wurde sie als Baum beschrieben, dem die Äste genommen wurden und der dennoch verwurzelt steht. Diese Form ist bewusst gewählt: Sie soll Verletzung zeigen, aber nicht in Ohnmacht enden. Video ab 00:31:03

Leeck selbst sprach über den künstlerischen Konflikt, ein solches Thema überhaupt in eine Form zu bringen. Wie lässt sich Leid in Bronze fassen? Wie kann ein Werk an Verfolgung erinnern, ohne die Opfer auf ihr Leiden zu reduzieren? Seine Antwort ist eine Skulptur, die nach oben strebt. Sie wirkt beschädigt, aber nicht gebrochen. Video ab 00:53:14

Die Oberfläche nimmt Licht- und Schattenwerte aus fotografischen Fragmenten von KZ-Gedenkstätten und historischen Dokumenten auf. So wird die Bronze zu einer Art eingeschriebener Erinnerung. Nicht als direkte Abbildung, sondern als Spur: sichtbar, tastbar, dauerhaft. Video ab 00:55:28

Besonders stark war Leecks Gedanke, dass der Ort kein abgeschlossener Trauerraum sein soll. Menschen sollen dort nicht erstarren. Sie sollen kommen, schauen, verweilen, vielleicht auch die Sonne genießen. Gerade das freie Leben im Park wird so Teil der Antwort auf die Tyrannei von einst. Video ab 00:57:32

Eine junge Frau mit langen braunen Haaren in dunklem Kleid spricht an einem Rednerpult mit zwei Mikrofonen und hält ein Blatt Papier in der Hand. Neben ihr steht ein junger Mann in dunklem Anzug mit Weste und Krawatte. Im Hintergrund sattgrünes Laub.
Clara-Denise Dörner und Julius Glaser, Nachkommen verfolgter Zeugen Jehovas, sprechen bei der Übergabe des Mahnmals im Berliner Tiergarten an die Öffentlichkeit am 24. Juni 2026. Foto: Peter Maciol.

Stimmen der Nachfahren: Geschichte bekommt Gesichter

Zu den bewegendsten Momenten der Übergabe gehörten die Berichte von Nachfahren verfolgter Zeugen Jehovas. Sie erzählten von Familien, in denen der Alltag durch Verhaftung, Arbeitsverlust, Wohnungsverlust und KZ-Haft zerbrach. Es ging um Väter, die nicht zurückkamen, um Mütter, die unter schwierigsten Bedingungen ihre Kinder versorgten, und um Kinder, die schon in der Schule bestraft wurden, weil sie den Hitlergruß verweigerten.

Auf dem Programm standen Clara-Denise Dörner, Urenkelin des verfolgten Bruno Seide, und Julius Glaser, Ur-Urenkel des verfolgten Wilhelm Ruhnau. Ihre Beiträge holten die Geschichte aus der abstrakten Erinnerung heraus: Aus Verfolgten wurden wieder Menschen mit Familien, Berufen, Kindern, Entscheidungen und Nachkommen, die heute ihre Namen aussprechen. Clara-Denise Dörner ab 01:01:59 · Julius Glaser ab 01:06:13

Diese persönlichen Erinnerungen gaben dem Mahnmal eine zweite Ebene. Zahlen sind notwendig, um das Ausmaß der Verfolgung zu begreifen. Aber erst Familiengeschichten zeigen, was Verfolgung im Leben einzelner Menschen bedeutete: die Kündigung, die Notunterkunft, die Angst vor dem nächsten Besuch der Gestapo, das letzte Lebenszeichen aus der Haft, das Schweigen nach dem Krieg.

Gerade diese Stimmen machten deutlich, warum Erinnerungsorte gebraucht werden. Sie halten nicht nur Vergangenheit fest. Sie schaffen einen öffentlichen Raum, in dem Nachkommen sagen können: Das ist geschehen. Und es gehört zu unserer gemeinsamen Geschichte.

Ein Mahnmal für Würde und Gewissensfreiheit

Am Ende wurde das Mahnmal offiziell der Öffentlichkeit übergeben. Damit steht im Berliner Tiergarten nun ein Ort, der an eine lange übersehene Opfergruppe erinnert und zugleich eine sehr heutige Frage stellt: Was ist ein Gewissen wert, wenn Macht Gehorsam verlangt? Video ab 01:18:02

Die Antwort dieses Mahnmals ist leise, aber klar. Sie liegt in der fünf Meter hohen Bronze, in der Geschichte des Goldfischteichs, in den Namen der Verfolgten und in den Stimmen ihrer Nachfahren. Sie lautet: Die Würde des Menschen bleibt unantastbar. Auch dort, wo ein Regime alles daran setzt, sie zu brechen.

Presseberichte

Weitere Informationen

Fakten zum Mahnmal für verfolgte Zeugen Jehovas

Ort: Goldfischteich im Berliner Tiergarten

Anlass: Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas, damals vielfach als Bibelforscher bekannt

Übergabe an die Öffentlichkeit: 24. Juni 2026

Bundestagsbeschluss: 22. Juni 2023, einstimmig

Künstler: Matthias Leeck

Gestaltung: fünf Meter hohe Bronzeskulptur, angelehnt an die Form eines verletzten, aber standhaften Baumes

Historischer Bezug: Heimliche Treffen von Zeugen Jehovas am Goldfischteich, Verhaftungen durch die Gestapo im Jahr 1936

Nachfahren im Programm: Clara-Denise Dörner, Urenkelin des verfolgten Bruno Seide; Julius Glaser, Ur-Urenkel des verfolgten Wilhelm Ruhnau

FAQ

Warum gibt es ein Mahnmal für die Zeugen Jehovas in Berlin?

Das Mahnmal erinnert an Zeugen Jehovas, die im Nationalsozialismus wegen ihres Glaubens verfolgt, inhaftiert und ermordet wurden. Es macht eine Opfergruppe sichtbar, deren Geschichte lange weniger beachtet wurde.

Wo steht das Mahnmal?

Das Mahnmal steht am Goldfischteich im Berliner Tiergarten. Der Ort wurde gewählt, weil sich dort Zeugen Jehovas in der NS-Zeit heimlich trafen und die Gestapo 1936 Verhaftungen vornahm.

Wer hat das Mahnmal geschaffen?

Die Bronzeskulptur wurde vom Künstler Matthias Leeck gestaltet. Sie erinnert an einen beschädigten, aber standhaften Baum.

Warum wurden Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus verfolgt?

Sie verweigerten unter anderem den Hitlergruß, traten nicht in Parteiorganisationen ein, lehnten den Führerkult ab und verweigerten aus Gewissensgründen den Kriegsdienst. Damit widersetzten sie sich dem totalitären Anspruch des NS-Regimes.

Was bedeutet der lila Winkel?

Der lila Winkel war das Kennzeichen, mit dem Bibelforscher und Zeugen Jehovas in Konzentrationslagern markiert wurden.

Weitere Beiträge